Nach dem Freudentaumel
18.
September 2005: Gut 30 Genossinnen und Genossen, aber
auch Freundinnen und Freunde der Linkspartei haben sich
in der Sportsbar am Platz der Jugend eingefunden, um
zuerst verhalten, dann jedoch immer begeisterter und vor
allem lauter das Wahlergebnis der Linkspartei bei den
Bundestagswahlen 2005 zu feiern. An erster Stelle stand
natürlich die Erleichterung: Wir sind wieder drin! Aber
wie ist das Wahlergebnis darüber hinaus zu bewerten?
Durch ihren Einzug in den Deutschen Bundestag hat die
Linkspartei.PDS eine schwarz-gelbe Koalition verhindert.
Darüber hinaus hat sie bereits vor der Wahl sowohl der
SPD als auch den Grünen das eine oder andere erfreuliche
Zugeständnis wie etwa Korrekturen bei Hartz IV oder eine
Reichensteuer abgerungen. Deshalb gleich von einer
linken Mehrheit im Bundestag zu sprechen, hört sich zwar
gut an, ist jedoch ein wenig übertrieben. Schließlich
ist die Linkspartei nicht nur angetreten, um Schlimmeres
zu verhindern, sondern auch um der bisherigen Regierung
zu spüren zu geben, dass ihre Politik zu Lasten der
Schwachen dieser Gesellschaft nicht hingenommen wird.
Damit hat der Einzug der Linkspartei in den Bundestag
der bisherigen Allparteienkoalition aus SPD, Grünen, CDU
und FDP einen saftigen Dämpfer verpasst. Dass diese vier
Fraktionen nun nicht entscheiden können, wer mit wem die
neue Regierung stellen soll, spricht weniger für die
Differenzen zwischen den Parteien, sondern viel mehr für
ihre programmatische und ideologische Annäherung.
So
wird es für die Linkspartei erst dann politisch
attraktiv, sich als Koalitionspartnerin anzubieten, wenn
bestimmte politische Anforderungen von den möglichen
Bündnispartnerinnen erfüllt werden. Oder um es mit
anderen Worten, angelehnt an den Kommentar von Oskar
Lafontaine am Wahlabend, zu sagen: Solange es keinen
grundsätzlichen Kurswechsel in der Sozial- und „Verteidigungs“politik
bei den Sozialdemokraten gibt, kann es keine Koalition
mit einer sozialistischen Partei geben.
Auch
wenn die Linkspartei in den Umfragen zeitweise über 10 %
lag, ist das schlussendlich erreichte Ergebnis von 8,7 %
ein großartiger Erfolg für unsere Partei. Dieses
Ergebnis war nur durch das sehr gute Abschneiden der
Linken in Westdeutschland zu erreichen. Allein in den
Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg konnte die
Linke ein Ergebnis von unter 4 % erzielen. Auch
verpasste sie in Schleswig-Holstein und Niedersachen ein
Zweitstimmenergebnis von über 5 %. Dafür stimmten in
Bremen 8,3 % für die Linke und im kleinen Saarland im
tiefsten Westen ganze 18,1%. Letzteres sind immerhin
knapp 2 % mehr als die Linkspartei in Berlin erreichen
konnte.
Als
besonders spannend ist an dieser Stelle das
rhein-pfälzische Wahlergebnis hervorzuheben. Dort
erreichte die Linke ganze 5,6 %, was einen Zugewinn von
4,6 % bedeutet. In Rheinland-Pfalz finden ebenfalls im
März 2006 Landtagswahlen statt. Damit sind die
Voraussetzungen, in einem westdeutschen Flächenland in
den Landtag einzuziehen, zumindest nicht gänzlich
aussichtslos.
Müßig ist die Diskussion, ob die Linkspartei auch ohne
die „Hilfe“ der WASG den Wiedereinzug in den Bundestag
geschaffte hätte. Abgesehen davon, dass die Perspektive,
sich über drei oder gar fünf Direktmandate in den
Bundestag zu retten, wenig attraktiv ist, kann
festgestellt werden, dass ein solch souveränes Ergebnis
ohne den begonnen Fusionsprozess mit der WASG
illusorisch gewesen wäre. Erst durch die Erschließung
(westdeutscher) linker Spektren, etwa dem
gewerkschaftlich orientierten Zusammenhang, aber auch
die Solidarisierung mit den sozialen Bewegungen konnte
die Linkspartei so viele Wählerinnen Wähler für sich
gewinnen. Darüber hinaus scheint sie das Stigma der
SED-Nachfolgepartei langsam zu verlieren. Zumindest
spricht die Linkspartei zunehmend auch das
undogmatische, antiautoritäre Spektrum im Westen an –
eine Entwicklung, die uns im Osten ebenfalls sehr zu
gute kommt.
Es
ist zu erwähnen, dass sich die Linkspartei mit ihrem
Wahlergebnis im (west-)europäischen Vergleich nicht
verstecken muss, sondern ganz gut dasteht. Die
traditionsreichen linken Parteien, sei es in Italien,
Frankreich oder Finnland, erreichen bei ihren Wahlen
regelmäßig vergleichbare Ergebnisse.
Aber
auch auf lokaler Ebene kann die Linkspartei mit sich
zufrieden sein: Sie ist in Sachsen-Anhalt mit 26,6 %
zweitstärkste Kraft. Dieses Wahlergebnis bedeutet, dass
fünf KandidatInnen der Landesliste nun Mitglieder des
Bundestages sind. Damit sind über die
sachsen-anhaltischen Landesliste der Linken nicht nur
vier Mitglieder der Linkspartei, sondern mit Elke Reinke
auch ein Mitglied der WASG in den Bundestag eingezogen.
Auch
im Wahlkreis Anhalt ist das Ergebnis der Zweitstimmen
(26 %) ein schöner Erfolg. Immerhin bedeutet es einen
Zugewinn von 11,6 %, so dass die Linkspartei knapp die
zweitstärkste Kraft in der Region geworden ist. Da ist
es leichter zu verwinden, dass unsere Direktkandidatin
Heidemarie Ehlert trotz engagierten Wahlkampfes leider
mit 24,2 % der Erststimmen nur den dritten Platz
erringen konnte und damit den Einzug in den Bundestag
verpasste.
Nun
steht die Linkspartei da, wo sie die eine oder der
andere gar nicht mehr vermutet hätte: Sie ist mit einem
souveränen Ergebnis im Bundestag vertreten. Nicht nur
die politische Einflussmöglichkeit, sondern auch die
finanzielle Situation der Partei hat sich damit
schlagartig und grundlegend geändert. Die große
Herausforderung ist es ab sofort, diesen Status zu
halten und die Linkspartei.PDS bundesweit als politische
Kraft etablieren. Das wäre nämlich der wirkliche
Qualitätssprung in der deutschen Parteienlandschaft.
Lena
Kreck