Antonio Gramsci und
die Linke.
In Ghilarza auf Sardinien befindet
sich das „Casa Antonio Gramsci“, ein Wohnhauses von
Antonio Gramsci, welches zu einem anschaulichen Museum
umgestaltet worden ist.
1990 hat Antonio Gramsci Eingang
in die Programmatik der PDS gefunden, nachdem er zuvor
von der realsozialistischen Geschichtsschreibung eher
stiefmütterlich behandelt wurde. Dazu später mehr.
Geboren wurde Gramsci 1891 in dem
sardischen Ort Ales. Er war einer der zentralen
politischen Theoretiker seiner Zeit. Zudem war er zuerst
in der Sozialistischen Partei Italiens aktiv und nach
der Spaltung der Sozialisten im Jahre 1921 Mitbegründer
der Kommunistischen Partei Italiens (PCI).
Nach dem Scheitern sozialistischer
Revolutionen in den Industriestaaten Westeuropas
erkannte Gramsci, dass die bürgerliche Gesellschaft
nicht allein durch einen revolutionären Umsturz
beseitigt werden kann. Daraus schloss er, dass die so
genannte „Zivilgesellschaft“ für den Fortschritt
gewonnen werden muss. Zur Zivilgesellschaft zählen dabei
etwa Schule, Medien, Vereine, Kultur, Alltag. In einem
von ihm so bezeichneten „Stellungskrieg“ müssen Linke
innerhalb der Zivilgesellschaft um die Verankerung von
Inhalten und Verhalten kämpfen. Erst über diesen Weg der
schrittweisen Erringung „kultureller Hegemonie“ könne
eine andere Gesellschaft möglich werden.
1926 wurde Gramsci von den
italienischen Faschisten verhaftet und zu 20 Jahren Haft
verurteilt. 1933 entließ man ihn aus dem Gefängnis in
Turin. Gebeutelt von der Haft starb Antonio Gramsci
allerdings bereits 1937 nach langjährigen
Krankenhausaufenthalten. Während seiner Haft schrieb er
unter anderem einige hundert Briefe aus dem Gefängnis,
welche posthum veröffentlicht wurden.
In praktischer Hinsicht haben
Gramscis Positionen eine Vielzahl von Konsequenzen für
linke Politik. Darin enthalten sind ein starker Bezug
auf den Alltag der Menschen, die Absage an
Parteiavantgarde-Konzepte, die Notwendigkeit breiter
Bündnisse und die Zulässigkeit verschiedener und
wechselnder politischer Meinungen und Mehrheiten. Mit
diesem Ansatz konnten die italienischen Kommunisten
breite Bündnispolitik im Kampf gegen den Faschismus in
Italien betreiben. Auch im Nachkriegsitalien waren mit
der Weiterentwicklung von Gramscis Konzepten hin zum
Eurokommunismus Italiens Kommunisten gesellschaftlich
stark verankert, was sich z.B. in kontinuierlichen
Wahlergebnissen um 30% ausdrückte. Dieser politische
Ansatz stand im Konflikt mit der KPdSU und ihrer
Bruderparteien Osteuropas. Der Eurokommunismus verstand
sich als antikapitalistisch, wendete sich jedoch auch
gegen stalinistische Politik. Dies war der Grund,
weshalb Gramscis Ansätze in den realsozialistischen
Ländern ignoriert wurden.
Mit der Bezugnahme auf Antonio
Gramsci im Parteiprogramm der PDS wurde so auch
deutlich, dass die Partei nicht nur ihren Namen geändert
hat, sondern eine konsequent antistalinistische Politik
verfolgt. Weil es der Linkspartei auch heute noch um
kulturelle Hegemonie geht, kann man mit Gramsci, auch
wenn er mittlerweile im Parteiprogramm nicht mehr
erwähnt wird, darauf verweisen, dass dort der zentrale
Anknüpfungspunkt für gesellschaftlichen Fortschritt zu
finden ist. Nicht die Frage, ob die Linkspartei sich in
der Regierung oder der Opposition befindet, sondern ob
sie in der Lage ist, in breiten Bevölkerungskreisen
verankert zu sein und Unterstützung für ihre
Auffassungen zu erreichen, ist die entscheidende Frage.
Hieran werden sich politische Wirkung und Erfolg messen.
Jörg Schindler und Lena Kreck