PDS-Jugend-Pfingstcamp –
Antifaschismus ist auch ein Grund zum Feiern.
Fast schon eine kleine gute
Tradition ist das Pfingstcamp der PDS-Jugend Sachsen im
tschechischen Srbska Kamenice. Die PDS-Jugend Sachsen
ist ein Zusammenschluss von linken Jugendgruppen und
einzelner PDS-Jugendlicher aus dem südöstlichsten
deutschen Bundesland und vernetzt deren Aktivitäten.
Eines der jährlichen Höhepunkte ist das Pfingstcamp auf
einem Campgelände der malerischen böhmischen Schweiz.
Knapp 300 linke Jugendliche aus
allen Teilen Sachsens, aber auch eine ganze Reihe von
jungen Linken aus Sachsen-Anhalt und Thüringen
bevölkerten auch in diesem Jahr wieder die Zelte und
Bungalows. Das Camp stand in diesem Jahr unter dem Motto
„60 Jahre Sieg über den Nationalsozialismus – ein Grund
zum Feiern.“ Der Slogan steht damit in gewisser Weise
für eine jugendgemäße geschichtspolitische
Herangehensweise: Nämlich die Ehrungen der Opfer des
deutschen Faschismus mit der praktizierten Freude
darüber zu verknüpfen, durch die Befreiungstat der
alliierten Truppen an grundlegenden Freiheiten teilhaben
zu können. Zu Recht bemerkte ein Teilnehmer des täglich
stattfindenden Plenums, dass ohne den Sieg über das
faschistische Deutschland heute möglicherweise noch
KommunistInnen und andere politische GegnerInnen des
Faschismus oder etwa Juden, Roma und Sinti oder auch
Homosexuelle verfolgt und ermordet werden würden. Die
Befreiung vom Faschismus und die Neubegründung von
demokratischen Grundfreiheiten in Deutschland nach 1945
sei daher eine Grundbedingung dafür, überhaupt an
Emanzipation denken zu können.- Das ist in der Tat ein
Grund zum Gedenken, aber auch zur Freude. Antifaschismus
ist in diesem Sinne sowohl politisches Andenken und
Bekenntnis als auch gelebte Praxis.
Von Punk bis MdL
Über die Pfingsttage war ein
buntes Völkchen angereist – Ausflugs-Freundeskreis,
Dosenbier-Punks mit Hund, StudentInnen oder auch junge
Landtagsabgeordnete. Auch ein paar Jugendliche mit auf
dem ersten Blick eher beängstigendem Skin-Outfit waren
anwesend, die jedoch durch kleine Aufnäher ihre linke
Gesinnung dokumentierten. In einer ganzen Anzahl von
Workshops gab es die Möglichkeit, politisch zu
diskutieren: über den „Mythos AusländerInnenkriminalität“,
Vor- und Nachteile eines NPD-Verbots, die verlogene
Klassenkampfrhetorik der Nazis, die Europäische
Linkspartei und einiges mehr. Interessierte konnten an
einer Führung durch ehemaliges KZ-Außenlager in
unmittelbarer Nähe teilnehmen oder einfach zum
Sightseeing nach Prag fahren. Jeden Abend spielten
engagierte Bands und brachten die Stimmung der jungen
Linken auf Hochtouren. Das ebenso preiswerte wie gute
tschechische Bier tat ein übriges. Doch die
Camp-OrganisatorInnen hatten auch an noch etwas gedacht:
So genannte „Drug-scouts“ waren vor Ort, die mit
Auskünften zum möglichst sicheren und stressfreien
Gebrauch sowohl von legalen als auch illegalisierten
Drogen zur Verfügung standen – eine gelungene praktische
Umsetzung der PDS-Position, Drogengebrauch nicht zu
dämonisieren, sondern zu entkriminalisieren,
gleichzeitig den Umgang zu rationalisieren und über
Gefahren bei Gebrauch aufzuklären.
Ist Befreiung vom Faschismus
teilbar?
Erstaunlicherweise fehlte aber die
Beschäftigung mit dem Camp-Thema „Befreiung vom
Faschismus“ in einer zentralen Veranstaltung. Dies
stellt sicher ein Versäumnis dar, denn hier hätte es
durchaus noch Diskussionsbedarf gegeben, wie folgendes
Ereignis beweist: Die Camp-OrganisatorInnen hatten zur
Ehre an die 4 Alliierten Frankreich, Großbritannien,
Sowjetunion und USA deren Fahnen an vier Masten gehisst.
Doch wurden von einigen CampteilnehmerInnen in der
letzten Nacht zwei der vier Fahnen, nämlich die
us-amerikanische und die britische, eingezogen und
entwendet. Es verblieb lediglich die sowjetische und
französische Fahne am Mast. Das führte zu erregten
Diskussionen: Während die GegnerInnen der aufgezogenen
us-amerikanischen und britischen Fahne argumentierten,
angesichts der imperialistischen Politik der USA und
Großbritannien etwa in Vietnam, Mittelamerika und jüngst
auf dem Balkan und Irak sei das Aufziehen der Fahne und
die damit verbundene Ehrung an diese Nationen eine
Zumutung für Linke, verwiesen andere TeilnehmerInnen und
die Camp-OrganisatorInnen darauf, dass der Sieg der
Alliierten über Nazi-Deutschland gemeinsam von der
Sowjetunion als auch den Westalliierten errungen wurde
und damit unteilbar sei. Es sei nicht legitim, diese
Leistung mit (auch ggf. berechtigter) Kritik an der
Politik dieser Staaten in anderem Zusammenhang quasi „zu
verrechnen“. Zur Bekräftigung schmetterten sie die
Nationalhymne der USA, der Sowjetunion und
Großbritanniens aus der Musikanlage; sicherlich eine
eher ungewöhnliche Situation auf einer
PDS-Veranstaltung.
Letztlich votierte die Mehrheit
der TeilnehmerInnen dafür, alle Fahnen vom Mast zu
holen, um einer einseitigen Geschichtsbetrachtung und
Parteinahme keinen Vorschub zu leisten – ein
unbefriedigendes Ergebnis. Denn die Diskussion verweist
auf durchaus verschiedene politische Deutungen des
Sieges der Alliierten über den Faschismus. Ist den einen
die zivilisatorische Kraft auch der Werte von „freedom &
democracy“, überreicht mit Coca-Cola bei Jazz-Musik,
durchaus eine ehrende Erwähnung im Kampf gegen den
Faschismus wert, sind andere angesichts der aggressiven
Vereinnahmung dieser Werte für eine reaktionäre
Imperialpolitik eher suspekt, und man verweist lieber
auf die Rote Armee, welche in der Tat den größten
Beitrag zur Befreiung vom deutschen Faschismus erbrachte
und die meisten Opfer zu beklagen hatte. Dennoch greift
die letztere Argumentation zu kurz. Zum einen ist darauf
zu verweisen, dass die technische und später auch offene
militärische Unterstützung der Westalliierten halfen,
den Sieg schneller zu erringen, damit Krieg und Leid zu
verkürzen und auch somit Menschenleben rettete. Und zum
anderen gilt auch prinzipiell: Gegen den Faschismus als
Rückfall in die Barbarei müssen alle Kräfte
zusammenhalten, die sich auf Humanismus, Demokratie und
Menschenrechte berufen – unabhängig von der Motivation
und politischen Differenzen in anderen Fragen.
Sachsen-Anhalt braucht eine
PDS-Jugend.
Wir Wittenberger trafen auf dem
Camp der sächsischen PDS-Jugend auf junge Linke aus
Magdeburg, Halberstadt und von den „Rotfüchsen“ aus
Hettstedt. Immerhin befanden sich damit auch etwa 20-25
junge Leute aus Sachsen-Anhalt auf dem Camp. So
tauschten wir einige Erfahrungen aus unseren Städten und
Jugendgruppen aus. Es besteht ein starkes Bedürfnis,
sich auch in Sachsen-Anhalt verstärkt miteinander zu
vernetzen, voneinander zu hören, sich zu unterstützen,
junge linke Politik in und im Umfeld der PDS gemeinsam
zu machen. Deshalb werden einige Leute auch zum nächsten
Landesparteitag nach Wittenberg kommen, und die
Jugend-AG Wittenberg wird hier für Kennenlernen,
Austausch und auch eine kleine Party sorgen. Denn eine
kontinuierliche überregional vernetzte PDS-Jugendpolitik
in Sachsen-Anhalt wäre ein Grund zum Freude!
Jörg Schindler